Legen Sie sich schon mal den Besteckkasten zurecht: Jetzt wird seziert! In „Debugging Backgammon“ haben wir gesehen, wie man eine Position zerpflückt. Nun ist es Zeit ein ganzes Match in seine Bestandteile zu zerlegen.
Der übliche Verlauf einer Matchanalyse ist: Match Datei importieren, vom Programm analysieren lassen, Fehlerrate anschauen, schlimmsten Blunder anschauen, mit der flachen Hand gegen die Stirn schlagen und nächstes Match beginnen. Ich möchte hier einen effektiveren Weg vorstellen.
Die Matchanalyse beginnt eigentlich schon während dem Spiel. Dabei merken Sie sich Positionen, in denen Sie sich in Ihrer Entscheidung nicht 100% sicher sind. Besonders schön ist es natürlich wenn man Gelegenheit hat z.B. in einem Consulting Double bereits während dem Spiel offen über kritische Züge zu diskutieren.
Daheim im Kämmerlein begeben Sie sich dann daran Ihr Gnu und/oder andere Haustiere mit dem Match Record zu füttern. Aber HALT! Nicht gleich durch die Analyse nudeln. Gehen Sie das Match noch einmal Zug um Zug durch und markieren Sie im Kommentarfeld die unklaren Positionen. Schenken Sie dabei dem Gameplan noch einmal besondere Aufmerksamkeit. (Haben Sie schon ein „Gameplan“ Post-it am Monitor kleben? Am Board? Am Würfelbecher?)
Diese Prozedur hilft Ihnen, dass Sie auch von Positionen, in denen Sie bloß richtig geraten haben, lernen. Oft ist in diesen Positionen der zweitbeste Zug schon ein Blunder. Darum ist es manchmal wichtiger diese Stellungen zu bearbeiten, als andere, in denen Sie einen minimalen Fehler gemacht haben.
Versuchen Sie bei der Durchsicht auch den jeweils zweitbesten Zug zu finden. Das gibt Ihnen ein besseres Gefühl für die Position. Fortgeschrittene Spieler dürfen sich auch mal daran versuchen die Equity Differenz zwischen den besten Zügen abzuschätzen*.
Erst wenn Sie die „manuelle Analyse“ soweit abgeschlossen haben, schmeißen Sie die Analyse des Programms an. Am besten Sie rollen alle Züge aus, bei denen Sie entweder einen Fehler gemacht haben, oder die Sie vorher als kritisch markiert hatten. Wenn Sie über Snowie (und genug Zeit) verfügen, können Sie auch das gesamte Match ausrollen lassen. Wenn Sie ganz sicher gehen wollen, lassen Sie das Match von mehreren Bots analysieren (Crosschecking!).
Wenn der Rechenknecht seine Arbeit getan hat, suchen Sie sich Stellen heraus, an denen mehrere Fehler nacheinander auftreten.

Das ist meist das Ergebnis eines mangelhaften Gameplans. Nehmen Sie sich diese Fehler genau vor. Am besten benutzen Sie dabei die Methodik aus „Debugging Backgammon“ um dem Verständnis auf die Sprünge zu helfen.
Gehen Sie noch einmal durch das Match und exportieren Sie alle Positionen, in denen Sie einen Fehler gemacht haben. Dabei ist es nicht so wichtig ob der Fehler besonders gravierend war. Legen Sie Ihr Augenmerk vor allem auf Positionen, die Sie offensichtlich nicht verstehen oder von denen Sie glauben, dass Sie einer ähnlichen Position in Zukunft häufiger begegnen werden. Exportieren Sie außerdem die von Ihnen markierten Positionen. Sie sollten die Positionen exportieren, damit Sie damit arbeiten können ohne den Match Record zu zerstören.
Untersuchen Sie nun die Auswirkungen verschiedener Spielstände, Moneygame, DMP etc. auf Ihre Position. Den Positionen, in denen Sie mit Ihrem Zug (oder Doppler etc.) unabhängig vom Spielstand daneben liegen, sollten Sie mit Hilfe der Methoden aus „Debugging Backgammon“ auf den Zahn fühlen.
Wenn Sie einigermaßen sicher sind alles kapiert zu haben, ordnen Sie die interessantesten Positionen nach Phase (Eröffnung, Mittelspiel, Endgame), Typ (Backgame, Haltespiel, Angriffsspiel etc.) und falls möglich nach Konzept (duplizieren, in doubt hit etc.). So entsteht mit der Zeit eine ansehnliche Sammlung von Positionen, die Sie regelmäßig durchsehen können um sich das Gelernte immer wieder bewusst zu machen. Ich habe diese Positionen immer bei mir (als Karteikarten oder im iPod) um damit U-Bahn Fahrten etc. zu überbrücken.
Bevor Sie das Match ad acta legen, gehen Sie es noch einmal durch und achten dabei auf die Entwicklung der Equity. (In GnuBG lassen Sie sich dazu am besten die Analyse in einem eigenen Fenster anzeigen.) Das wird Ihnen auf Dauer ein besseres Gefühl für Gewinnwahrscheinlichkeiten und damit für den Doppler (insbesondere im Match) geben.
Nun werden Sie sich vermutlich trotz allem mit der Hand vor die Stirn schlagen und sich fragen woher Sie die Zeit für diese ganze Prozedur nehmen sollen!? Sie werden feststellen, dass Sie von einem Match, das Sie so gründlich studieren, mehr lernen als von 100 Matches, die Sie nur überfliegen. Das Stichwort lautet also „Effizienz“. Außerdem werden Sie sich schnell an den Ablauf gewöhnen. Und je weniger Fehler Sie machen, desto schneller sind Sie fertig. Ist das nicht Motivation genug?
*Vgl. Douglas Zare: Second Best, gammonVillage, 1. März 2005. (Um den Artikel lesen zu können, ist eine kostenpflichtige Mitgliedschaft notwendig, die es hier zu erstehen gibt.)