Das Märchen um X-22
November 24, 2007 von Thomas Koch
Wenn Sie die ‘Bibel des Backgammon’ von Paul Magriel aufschlagen, werden Sie dort keine Abkürzungen, wie etwa “Mat. 16,26″ finden, denn sie geht nur auf einen einzigen ‘Evangelisten’ zurück: X-22. Wofür aber steht “X-22″? Wer hat sich dieses Kürzel unter dem Paul Magriel auf allen Turnieren dieser Welt geführt wird, ausgedacht?
Die Lösung dieses Rätsels haben wir Cris Bray* zu verdanken: Um sich mit den Besonderheiten des Matchplays vertraut zu machen, veranstaltete Paul Magriel ein Turnier mit 64 Teilnehmern, die er mit X-1 bis X-64 bezeichnete. 64 fiktive Teilnehmer, denn tatsächlich war er selbst der einzige, der die Würfel warf und die Spielsteine bewegte. Man kann sich schon denken, dass so ein Turnier eine Weile dauert. Jedenfalls ging am Ende aus einem spannenden Finalmatch mit X-34, X-22 als Sieger hervor. Und weil sie nicht gestorben sind, würfeln sie noch heute…
Vermutlich hat nicht jeder die Zeit und Muße 63 Matches gegen sich selbst zu spielen. Für eine ähnliche und sehr effektive Lernmethode sollte sich aber jeder die Zeit nehmen. Sie stammt noch aus einer Zeit bevor Snowie, Gnu und ähnliche Gestalten den Märchenwald eroberten: Das Handrollout!
Magriel hat es getan, Robertie hat es getan, Jeff Ward hat es getan und Kleinman hat es getan. Und viele andere Backgammon Buch Autoren oder Weltklasse Spieler vermutlich auch. Irgendwann standen sie einmal vor einer Position, die sich ihnen nicht erschließen wollte. Und wenn trotz reiben des Würfelbechers der große Geist der Backgammon Einsicht nicht erscheinen mag, so muss man eben Hand anlegen und die Position tausend und einmal durchspielen.
Dabei sollte man fein säuberlich dokumentieren wieviele Spiele Schwarz und vieviele Weiß gewonnen hat, wieviele Gammons es gab usw. Ach, das kann Snowie alles viel besser? Ja, ist schon richtig, aber Snowie lässt sich dabei nicht über die Schulter schauen! Und das ist es, was den Lerneffekt des Handrollouts ausmacht: Man sieht, wie sich eine Position entwickeln kann. Und dass sie sich eventuell häufig in eine bestimmte Richtung entwickelt. Womöglich ganz anders als erwartet. “Make it fail” (Lasse es versagen) heißt die dazugehörige Regel aus Debugging Backgammon. Man entwickelt dabei ein Gespür für die entscheidenden Faktoren der Position.
Tatsächlich ist es recht öde so stumpf vor sich hin zu würfeln. Viel spannender ist es, wenn man die Position als Proposition, also mit einem Partner durchspielt. Dieser Partner könnte dann z.B. wieder Snowie sein. Dabei sollte man durchaus mal beide Seiten der Position spielen. Vielleicht stellt sich dabei z.B. heraus, dass Snowie in einer Position in der Sie immer vergeblich geblitzt haben eine Prime-Strategie fährt!?
Zwischenfrage: Haben Sie ein schönes Backgammon Board? Vielleicht aus Leder oder mit einer Spielfläche aus Filz? Wo die glatten Steine flüssig von einer Zunge zur nächsten gleiten? Dann trennen Sie sich mal für einen Augenblick von Schneewitchen und den sieben PCs und nehmen Sie ihren Lernprozess in die Hand, fassen Sie die Steine an.
Suchen Sie sich einen echten Partner, der ebenfalls Interesse hat seinen Vorrat an Referenzpositionen zu vergrößern. Man muss die Position ja auch nicht immer bis zum bitteren Ende spielen. Meist erreicht man sehr bald eine Position, in der man die Chancen ganz gut abschätzen kann. Um Langeweile zu vermeiden, empfehle ich an solchen Punkten wieder neu aufzubauen.
Keiner der Stars des Backgammon ist durch den Kuss einer Prinzessin zu einem Weltklassespieler mutiert. Um es mit Neil Kazaross zu sagen: “The best way to improve at backgammon is to get your hands dirty and really work to learn to understand this game.”*
* Vgl.: Cris Bray: What Color is the Wind, <http://www.lulu.com/content/314854>, S. 38.
* In: Antonio Ortega et al: Backgammon: Costa Rica 1993, S. 10.